Winter, Überfluss und eine ökologische Illusion

Im Februar wirken deutsche Supermärkte wie zu jeder anderen Jahreszeit: Tomaten leuchten rot, Äpfel liegen in großen Pyramiden aus, Gurken sehen frisch und knackig aus. Doch dieser Überfluss ist trügerisch. Tatsächlich befindet sich die mitteleuropäische Landwirtschaft zu dieser Zeit in einer Phase minimaler natürlicher Produktivität.

Bild von Dorothe Wouters

In Deutschland wachsen im Februar nur wenige Kulturen im Freiland. Saisonkalender öffentlicher Institutionen zeigen, dass das Angebot an frischer Feldware in diesen Wochen seinen jährlichen Tiefpunkt erreicht¹. Diese Phase wird im Gartenbau als Hungry Gap bezeichnet – der Zeitraum zwischen dem Ende der Lagerfähigkeit vieler Kulturen und dem Beginn der neuen Ernte².

Für klimabewusste Konsumentinnen und Konsumenten ergibt sich daraus eine zentrale Frage: Welche Lebensmittel sind im Winter tatsächlich nachhaltig – und welche nur scheinbar?

Die Hungry Gap: wenig Wachstum, hoher Energieeinsatz

Die Hungry Gap fällt in Deutschland überwiegend auf Februar und März. In dieser Zeit ist der Energieeinsatz pro Kilogramm Lebensmittel besonders hoch, da die natürliche Produktion stark eingeschränkt ist¹.

Die Gründe sind eindeutig:

  • niedrige Temperaturen und kurze Tageslängen verhindern Freilandwachstum
  • Versorgung erfolgt über Langzeitlagerung oder beheizte Gewächshäuser

Für die Klimabilanz eines Lebensmittels ist daher im Winter nicht primär die Herkunft entscheidend, sondern die Produktions- und Bereitstellungsform.

Bild von StockSnap

Drei Produktgruppen – drei sehr unterschiedliche Klimabilanzen

🥬 1. Winterharte Feldware: die beste Wahl

Grünkohl, Rosenkohl, Lauch oder Feldsalat sind typische Winterkulturen. Sie sind frosttolerant und kommen ohne beheizte Gewächshäuser aus.

Nach Daten des Instituts für Energie- und Umweltforschung (ifeu), ausgewertet im Auftrag des Umweltbundesamtes, liegen die treibhausgasbezogenen Emissionen (an der Supermarktkasse) bei³:

  • Grünkohl (frisch): ≈ 0,3 kg CO₂e/kg
  • Lauch (Porree): ≈ 0,2 kg CO₂e/kg
  • Rosenkohl (frisch): ≈ 0,3 kg CO₂e/kg

Diese Werte zählen zu den niedrigsten im gesamten Gemüsebereich. Ursache sind der geringe Energieeinsatz sowie der Verzicht auf Lager- oder Heiztechnik.

Fazit: Winterharte Feldware ist im Februar die klimafreundlichste Gemüseoption.


🍎 2. Lagerware: besser als ihr Ruf – aber nicht klimaneutral

Äpfel, Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln werden im Herbst geerntet und häufig in CA-Lagern (Controlled Atmosphere) aufbewahrt. Dort werden Temperatur, Sauerstoff- und CO₂-Gehalt gezielt reguliert, um die Reifung zu verlangsamen⁴.

Diese Technik verlängert die Verfügbarkeit erheblich, verursacht jedoch einen kontinuierlichen Energiebedarf. Eine aktuelle Analyse zu Kühlketten zeigt, dass sechs Monate CA-Lagerung die Treibhausgasemissionen von Äpfeln nahezu verdoppeln können (+96 %)⁵.

Entsprechend steigen die produktbezogenen Emissionen im Jahresverlauf:

  • Regionaler Apfel im Herbst: ≈ 0,3 kg CO₂e/kg
  • Regionaler Apfel im Spätwinter/Frühjahr: ≈ 0,4 kg CO₂e/kg³

Fazit: Lagerware bleibt eine sinnvolle Option, verliert jedoch mit zunehmender Lagerdauer an Klimavorteil.


🍅 3. Beheizte Gewächshausware: der Klimatreiber im Winter

Tomaten, Gurken oder Paprika aus deutscher Produktion stammen im Februar nahezu ausschließlich aus beheizten Gewächshäusern. Hier ist die Heizenergie der dominante Emissionsfaktor.

Ein detaillierter ifeu-Bericht zur Gemüseproduktion beziffert den CO₂-Fußabdruck von Tomaten aus beheizten Gewächshäusern in Deutschland auf etwa 3,0 kg CO₂e/kg⁶.

Zum Vergleich (ifeu/UBA, Bezugsjahr 2019)³:

  • Tomaten, saisonal aus Deutschland: ≈ 0,3 kg CO₂e/kg
  • Freilandtomaten aus Südeuropa: ≈ 0,4 kg CO₂e/kg
  • Wintertomaten aus deutschem Gewächshaus: ≈ 2,9 kg CO₂e/kg

Damit ist eine importierte Freilandtomate aus Spanien im Winter mehr als siebenmal klimafreundlicher als eine regionale Gewächshaustomate.

Fazit: Im Winter verliert Regionalität bei beheizten Gewächshausprodukten ihren Klimavorteil.


Transport ist selten das Hauptproblem

Entgegen der verbreiteten Annahme ist der Transport bei Obst und Gemüse häufig nicht der größte Emissionstreiber. Globale Auswertungen zeigen, dass Transport im Durchschnitt nur einen einstelligen Prozentanteil an den gesamten Ernährungsemissionen hat⁷.

Entscheidend sind vielmehr:

  • Art der Produktion
  • Energieeinsatz für Heizung und Lagerung

Merksatz für den Winter:

Feldware schlägt Lagerware – Lagerware schlägt beheiztes Gewächshaus.


Perspektiven: Wo echte Verbesserungen möglich sind

Der hohe Energieeinsatz im Winter ist kein Naturgesetz. Laut Internationaler Energieagentur besteht insbesondere bei Wärmebereitstellung in der Landwirtschaft großes Dekarbonisierungspotenzial⁸.

Ansätze sind u. a.:

  • Nutzung von Abwärme (Industrie, Rechenzentren)
  • Geothermie und erneuerbare Wärmesysteme
  • energieeffizientere Gewächshauskonstruktionen

Auch europäische Statistiken zeigen, dass energieintensive Produktionsformen – einschließlich Gewächshausanbau – ein relevanter Hebel für Emissionsminderungen sind⁹.

Fazit

Der Februar macht deutlich: Nachhaltiger Konsum erfordert saisonales Wissen. „Regional“ ist im Winter kein automatisches Qualitätsmerkmal. Entscheidend ist die Produktionsform.

Wer auf winterharte Feldware setzt, minimiert Emissionen. Lagerware ist vertretbar, aber nicht emissionsfrei. Beheizte Gewächshausprodukte hingegen gehören zu den klimaschädlichsten Optionen der Wintersaison.

Nachhaltigkeit beginnt nicht im Supermarktregal – sondern mit informierten Entscheidungen. 🌱

Literatur

  1. Bundeszentrum für Ernährung. Der Saisonkalender. Verfügbar unter: https://www.bzfe.de
  2. Hungry gap. Wikipedia. Verfügbar unter: https://en.wikipedia.org/wiki/Hungry_gap
  3. ifeu – Institut für Energie- und Umweltforschung; Umweltbundesamt. Ökologische Fußabdrücke von Lebensmitteln und Gerichten in Deutschland (Bezugsjahr 2019). Heidelberg: ifeu; 2020.
  4. Sessa F, et al. Life cycle assessment of apples at country level. CAB Rev. 2014.
  5. du Plessis M, et al. Energy and emissions: comparing short and long fruit cold chains. Energies. 2024;17(10):2396.
  6. ifeu. CO₂-Fußabdruck und weitere Umweltwirkungen von Gemüse. Heidelberg: ifeu; 2013.
  7. Ritchie H. Food transport and climate change. Our World in Data. 2020.
  8. International Energy Agency. Renewables 2022: Renewable heat. Paris: IEA; 2022.
  9. Eurostat. Agri-environmental indicator – energy use. Verfügbar unter: https://ec.europa.eu/eurostat

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