Haferdrink im Coffee-to-go, vegane Nuggets aus dem Supermarkt, Proteinriegel nach dem Workout – viele urbane Alltagsklassiker gelten als „hochverarbeitet“. Gleichzeitig warnen Schlagzeilen vor „Ultra-Processed Food“ (UPF) und steigenden Risiken für Übergewicht, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 🤯 Doch ist „hochverarbeitet“ wirklich gleichbedeutend mit „ungesund“?

Foto von R Khalil

Die Antwort ist komplexer, als es Social-Media-Posts vermuten lassen. Die NOVA-Klassifikation ordnet Lebensmittel nach dem Grad und Zweck der Verarbeitung – nicht primär nach Kalorien oder Nährstoffen.¹ Was sagt die Wissenschaft (inkl. großer Übersichtsarbeiten bis 2024/2025) dazu? Und wie können wir als Stadtbewohner:innen mit wenig Zeit kluge Entscheidungen treffen? Dieser Artikel erklärt die Fakten – fundiert, differenziert und alltagstauglich.

🔍 Was bedeutet „hochverarbeitet“? Die NOVA-Klassifikation erklärt

Die NOVA-Klassifikation wurde von einer Forschungsgruppe an der Universidade de São Paulo (NUPENS/USP) mitentwickelt und international verbreitet.¹ Sie teilt Lebensmittel in vier Gruppen ein¹:

1️⃣ Unverarbeitete oder minimal verarbeitete Lebensmittel

Frisches Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Reis, Eier, Milch – eventuell gewaschen, geschnitten, gekühlt, pasteurisiert oder fermentiert.

2️⃣ Verarbeitete Zutaten

Öle, Butter, Zucker, Salz – meist aus Gruppe 1 gewonnen und zum Kochen/Würzen genutzt.

3️⃣ Verarbeitete Lebensmittel

Brot, Käse, Konserven – Produkte mit wenigen zugesetzten Zutaten (z. B. Salz/Öl/Zucker).

4️⃣ Hochverarbeitete Lebensmittel (Ultra-Processed Foods, UPF)

Industriell hergestellte Produkte, die typischerweise Formulierungen aus Zutaten/Bestandteilen darstellen (z. B. Isolate, Stärke, Zuckerarten, Fette) und häufig Zusatzstoffe enthalten, etwa Emulgatoren, Aromen, Farbstoffe oder Süßstoffe.¹ Beispiele: Softdrinks, Süßwaren, viele Fertiggerichte, diverse Snacks – und ein Teil der Fleischersatzprodukte.

Wichtig: NOVA klassifiziert nach Verarbeitung – das ist nicht automatisch identisch mit „gesund/ungesund“.¹


📊 Was sagt die aktuelle Forschung (bis 2024/2025)?

In den letzten Jahren wurden viele große Beobachtungsstudien und Meta-Analysen publiziert. Eine Umbrella-Review in The BMJ (2024) bündelte Meta-Analysen mit insgesamt nahezu 10 Millionen Teilnehmenden und fand, dass eine höhere UPF-Exposition mit höheren Risiken für mehrere gesundheitliche Endpunkte assoziiert ist – besonders für kardiometabolische Outcomeshäufige psychische Störungen und Mortalität

Wichtig zur Einordnung: Der Großteil der Evidenz basiert auf Beobachtungsdaten.² Diese zeigen Zusammenhänge, aber nicht automatisch eindeutige Kausalität – obwohl viele Analysen für Lebensstil- und Sozialfaktoren adjustieren.²

Ernährungsfachgesellschaften weisen zudem darauf hin, dass Ernährungsweisen mit hohem Anteil stark verarbeiteter Produkte im Durchschnitt häufig mehr Zucker, Salz und gesättigte Fette und weniger Ballaststoffe/Mikronährstoffeenthalten – das ist jedoch ein statistisches Muster und gilt nicht für jedes einzelne Produkt.³

Wie viel UPF wird in Deutschland gegessen?

Die ursprüngliche Aussage „40–50 % bei jüngeren Erwachsenen aus Daten von UBA/RKI“ war so nicht belastbar belegt. Stattdessen lässt sich Folgendes seriös zitieren:

  • Die DGE berichtet (unter Bezug auf Berechnungen aus der Nationalen Verzehrsstudie II) von etwa 50 % der Energieaufnahme aus „stark verarbeiteten Lebensmitteln“ bei Erwachsenen in Deutschland bereits Anfang der 2000er Jahre.³
  • Ein aktueller systematischer Review zu Kindern/Jugendlichen und jungen Erwachsenen berichtet für junge Erwachsene in einzelnen Stichproben ebenfalls Größenordnungen um ~50 % der Energieaufnahme (Kontext: Studien-/Kohortenabhängig).⁴

Fazit dieses Abschnitts: Deutschland liegt – wie andere Hochlohnländer – in einem Bereich, in dem UPF einen großen Teil der Energiezufuhr ausmachen kann, aber der exakte Anteil hängt stark von Datensatz, Definition und Altersgruppe ab.³⁻⁴


🧠 Warum stehen hochverarbeitete Lebensmittel in der Kritik?

1️⃣ Energiedichte & Sättigung / „passives Überessen“

Eine randomisierte, kontrollierte Studie (USA, 2019) zeigte: Wenn Teilnehmende ad libitum eine UPF-basierte Kost erhielten, nahmen sie im Schnitt mehr Energie zu sich und nahmen an Gewicht zu – im Vergleich zu einer Kost aus unverarbeiteten/minimal verarbeiteten Lebensmitteln (bei vergleichbaren angebotenen Makronährstoffen).⁵ Mechanismen werden u. a. in Essgeschwindigkeit, Textur, Energiedichte und Belohnungswert diskutiert.⁵

2️⃣ Zusatzstoffe & Darmmikrobiom

Für einzelne Zusatzstoffklassen (z. B. bestimmte Emulgatoren) gibt es experimentelle Hinweise aus Tier- und Zellmodellen auf mögliche Effekte auf Barriere/Entzündung.⁶ Die Übertragbarkeit auf den Menschen ist jedoch begrenzt, und belastbare klinische Langzeitdaten sind nicht für alle Stoffe vorhanden.⁶

3️⃣ Verpackung & Umweltaspekte 🌍

UPFs sind oft stark verpackt. UNEP berichtet, dass rund 36 % der globalen Kunststoffproduktion für Verpackungengenutzt werden.⁷ (Das betrifft nicht nur UPF, aber UPF ist häufig Teil dieser Verpackungsrealität.)


⚖️ Ist „hochverarbeitet“ also automatisch ungesund?

Kurz gesagt: Nein.

Einige hochverarbeitete Produkte können ernährungsphysiologisch sinnvoll sein – z. B. wenn sie angereichert sind (z. B. Vitamin B12 in Pflanzenmilch) oder ein günstiges Nährwertprofil haben. Gleichzeitig kann NOVA in der Gruppe 4 Produkte mit sehr unterschiedlichen Nährwertprofilen bündeln.¹

Genau das ist ein wichtiger Kritikpunkt: Die OECD betont in einer Analyse, dass NOVA nicht konsistent Gruppen mit ähnlichem Nährwertprofil erzeugt und dadurch sehr unterschiedliche Produkte in einer Kategorie landen können.⁸

Ein veganes Fertiggericht mit moderatem Salzgehalt und relevanten Protein-/Ballaststoffanteilen ist daher nicht automatisch „schlechter“ als ein traditionelles, nährstoffärmeres Convenience-Produkt – der Gesamtkontext zählt.¹,⁸


🌱 Nachhaltigkeit: Ein oft vergessener Faktor

Aus Klimaperspektive ist Verarbeitung nicht per se der Haupttreiber. Für die Gesamt-Emissionen des Ernährungssystems zeigen Synthesen, dass Lebensmittel-/Agrar- und Ernährungssysteme etwa ein Drittel der anthropogenen Treibhausgasemissionen verursachen, wobei große Anteile aus Landwirtschaft und Landnutzungsänderungen stammen.⁹⁻¹⁰

Pflanzenbasierte Alternativen können – je nach Produkt und Lieferkette – deutlich geringere Emissionen als Rindfleisch aufweisen. Eine vielzitierte globale Analyse zeigt besonders hohe Emissionswerte für Rindfleisch im Vergleich zu vielen pflanzlichen Lebensmitteln.¹¹


🏙️ Urbaner Alltag: Realistische Strategien statt Perfektion

Zwischen Job, Uni, Sport und Sozialleben ist „alles frisch kochen“ oft unrealistisch. Die Lösung liegt in Balance und Auswahlkompetenz:

✔️ 1. Zutatenliste lesen

Je kürzer und verständlicher, desto besser – aber: „kurz“ ist kein Garant für „gesund“, und „lang“ ist kein automatisches „schlecht“.¹,⁸

✔️ 2. Auf Nährwerte achten

Orientierung: wenig zugesetzten Zucker, moderates Salz, genug Ballaststoffe/Protein – und Portionen realistisch betrachten.³,¹²

✔️ 3. 80/20-Prinzip

Überwiegend minimal verarbeitete Lebensmittel, ergänzt durch bewusst gewählte Convenience-Produkte.

✔️ 4. Pflanzenfokus 🌿

Mehr Hülsenfrüchte, Vollkorn, Nüsse – frisch oder sinnvoll verarbeitet (z. B. tiefgekühlt, Konserven ohne viel Zucker/Salz).¹²


🔬 Was sagen Fachgesellschaften?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt eine abwechslungsreiche, überwiegend pflanzenbetonte Ernährung (u. a. Vollkorn, Gemüse, Hülsenfrüchte) und weist darauf hin, dass Ernährungsweisen mit vielen stark verarbeiteten Produkten häufig ungünstige Nährstoffmuster haben.³,¹²

Gleichzeitig wird wissenschaftlich diskutiert, ob NOVA für Ernährungsberatung und Regulierung teilweise zu grob ist, weil es Innovation/Reformulierung und sehr heterogene Produktqualitäten innerhalb einer Kategorie nur begrenzt abbildet.⁸


🌟 Blick nach vorn: Innovation trifft Gesundheit

Die Lebensmittelindustrie verändert sich (z. B. Reformulierungen, neue Proteinquellen, mehr Transparenz). Entscheidend ist weniger „Verarbeitung = böse“, sondern:

Wie kann Verarbeitung genutzt werden, um gesunde, sichere und nachhaltige Ernährung zugänglich zu machen – ohne Überkonsum zu fördern?¹,⁸

Fazit

„Hochverarbeitet“ ist kein Synonym für „ungesund“. Die NOVA-Klassifikation hilft, Lebensmittel kritisch zu hinterfragen – ersetzt aber nicht den Blick auf Nährwerte, Zutaten, Portionsgrößen und die Gesamternährung.¹,⁸

Wer überwiegend auf unverarbeitete/minimal verarbeitete pflanzliche Lebensmittel setzt und bewusst ausgewählte Convenience-Produkte integriert, kann gesund und nachhaltig essen – auch im urbanen Alltag. 🏙️🥗

Literatur

  1. Monteiro CA, Cannon G, Levy RB, Moubarac JC, Louzada MLC, Rauber F, et al. The UN Decade of Nutrition, the NOVA food classification and the trouble with ultra-processing. Public Health Nutr. 2018;21(1):5–17.
  2. Lane MM, Gamage E, Du S, Ashtree DN, McCrabb S, Booth JN, et al. Ultra-processed food exposure and adverse health outcomes: umbrella review of epidemiological meta-analyses. BMJ. 2024;384:e077310.
  3. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Wie wirken stark verarbeitete Lebensmittel auf die Gesundheit? (Pressemitteilung). 2023.
  4. Fedde S, et al. Ultra-processed food consumption and overweight in children, adolescents and young adults: systematic review (und begleitende Evidenz zu jungen Erwachsenen). Pediatr Obes. 2024.
  5. Hall KD, Ayuketah A, Brychta R, Cai H, Cassimatis T, Chen KY, et al. Ultra-processed diets cause excess calorie intake and weight gain: an inpatient randomized controlled trial. Cell Metab. 2019;30(1):67–77.
  6. Chassaing B, Koren O, Goodrich JK, Poole AC, Srinivasan S, Ley RE, et al. Dietary emulsifiers impact the mouse gut microbiota promoting colitis and metabolic syndrome. Nature. 2015;519:92–6.
  7. United Nations Environment Programme (UNEP). Everything you need to know about plastic pollution. 2023.
  8. OECD. The contribution of the processed food sector to the triple challenge of nutrition, sustainability and economic development. Paris: OECD; 2020.
  9. Crippa M, Solazzo E, Guizzardi D, Monforti-Ferrario F, Tubiello FN, Leip A. Food systems are responsible for a third of global anthropogenic GHG emissions. Nat Food. 2021;2:198–209.
  10. FAO. Greenhouse gas emissions from agrifood systems: Global, regional and country trends 2000–2022 (Highlights). 2024.
  11. Poore J, Nemecek T. Reducing food’s environmental impacts through producers and consumers. Science.2018;360(6392):987–92.
  12. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Gut essen und trinken – die DGE-Empfehlungen. (Webseite, laufend aktualisiert).

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