Im Supermarktregal stehen wir heute vor mehr Informationen als je zuvor: Bio, regional, klimaneutral, Fairtrade, Nutri-Score, CO₂-Fußabdruck. Eigentlich perfekt – denn wer nachhaltig einkaufen will, braucht Wissen. Und doch passiert oft das Gegenteil: Wir greifen genervt zum Gewohnten. 🛒

Dieses Phänomen ist kein persönliches Versagen, sondern gut erforscht: Wenn Informationen unübersichtlich, widersprüchlich oder schwer vergleichbar sind, steigt Verwirrung – und die Chance sinkt, dass Nachhaltigkeitsinfos tatsächlich in Kaufentscheidungen einfließen.¹,⁵,⁶ Dieser Artikel erklärt, warum mehr Information nicht automatisch zu besseren Entscheidungen führt – und welche Stellschrauben nachhaltigen Konsum im Alltag wirklich erleichtern.

1️⃣ Die Label-Flut: Gut gemeint, oft schlecht koordiniert

Auf dem Markt finden sich mehr als 1.000 verschiedene Siegel/Labels – über viele Produktgruppen hinweg; für Verbraucher:innen kann das schnell unübersichtlich werden.¹

Ein Kernproblem ist weniger „zu wenig Information“, sondern fehlende Einheitlichkeit: Kriterien, Prüfmechanismen und Aussagegrenzen unterscheiden sich teils stark, wodurch Labels schwer vergleichbar sind.¹,² Das kann Vertrauen untergraben – nicht weil Labels grundsätzlich schlecht sind, sondern weil die Gesamtlandschaft unklar wirkt.¹


2️⃣ Kognitive Überlastung im Alltag 🧠

Menschen treffen sehr viele kleine Ernährungsentscheidungen am Tag. Eine häufig zitierte empirische Arbeit kommt auf rund 200 (teils „mindless“) food-related decisions daily

Unser Gehirn nutzt dafür Abkürzungen (Heuristiken). Wenn dann beim Einkauf zusätzlich viele Signale konkurrieren (Siegel, CO₂-Angaben, Claims, Preise, Angebote), steigt die mentale Belastung – und Informationsüberlastung wird wahrscheinlicher. Studien und Reviews beschreiben „Information overload“ und begrenztes Verständnis als relevante Barrieren, gerade bei Routinekäufen.⁴–⁶


3️⃣ Was Studien konkret zeigen 📊

Die Evidenz ist insgesamt konsistent in drei Punkten:

  • Umwelt-/Nachhaltigkeitslabels können Verhalten beeinflussen, aber die Effekte sind im Mittel eher klein bis moderat und stark abhängig von Kontext, Label-Design und Setting.⁵,⁷
  • Verständlichkeit ist entscheidend: Verbraucher:innen verstehen Nachhaltigkeitsinformationen häufig nur begrenzt; dadurch sinkt die Nutzung im Kaufmoment.⁶
  • Vereinfachte, interpretative Front-of-Pack-Labels (z. B. Ampel-/Score-Logiken) schneiden in vielen Studien/Reviews besser ab als rein „numerische“ oder textlastige Angaben – u. a. weil sie schneller erfassbar sind.⁸,⁹

Der gemeinsame Nenner: Gute Reduktion und gute Struktur wirken oft besser als immer neue Einzelsignale.


4️⃣ Warum Wissen allein Verhalten nicht automatisch ändert

Das bekannte Attitude–Behaviour Gap-Problem: Menschen befürworten Nachhaltigkeit, handeln aber im Alltag oft anders. Eine große Übersichtsarbeit nennt u. a. PreisVerfügbarkeitGewohnheitensensorische Präferenzen und (Über-)Information als wiederkehrende Barrieren – besonders bei Lebensmitteln als Low-Involvement-Alltagskategorie.⁴

Deshalb ist „mehr Information“ allein häufig nicht ausreichend: Selbst gut gemeinte Labelpolitik stößt an Grenzen, wenn Preise, Sortiment, Standards und Einkaufsumgebung gegenteilige Anreize setzen.⁴–⁶


5️⃣ Positive Ansätze: Weniger, aber besser 🌱

Was sich aus der Forschung relativ robust ableiten lässt:

  • Integrierte, gut erklärte Scores oder klar strukturierte Meta-Labels können Orientierung verbessern (weniger Suchkosten, weniger Vergleichsstress).⁷
  • Bessere Darstellung statt mehr Text: Interpretative, leicht lesbare Front-of-Pack-Ansätze werden in der Literatur häufig als besonders praxistauglich diskutiert.⁸,⁹
  • Digitale Filter & Standards (z. B. in Online-Shops) können helfen, Informationen „on demand“ statt als Verpackungsflut auszuspielen. (Ein verwandtes Beispiel aus dem Online-Kontext zeigt: Ein klarer Score kann Kaufabsichten erhöhen und wird als glaubwürdiger wahrgenommen als unstrukturierte Einzelinfos.)¹⁰
  • Rahmenbedingungen (Mindeststandards, weniger Greenwashing, bessere Vergleichbarkeit) sind der Hebel, der Informationsmaßnahmen überhaupt erst wirksam macht.¹,⁶

6️⃣ Offene Fragen für die Diskussion 💬

Können KI-basierte Einkaufshilfen echte Orientierung bieten, ohne neue Überforderung zu erzeugen?

Brauchen wir weniger Siegel, aber verbindlichere?

Sollten Nachhaltigkeitsinformationen staatlich vereinheitlicht werden (und wenn ja: wie)?

Wie viel Verantwortung liegt bei Konsument:innen – wie viel bei Politik und Handel?

Fazit

Mehr Information ist nicht automatisch besser – vor allem dann nicht, wenn sie unübersichtlich, widersprüchlich oder schlecht integrierbar ist. Die Forschung legt nahe: Verständlichkeit, Vergleichbarkeit und gute Rahmenbedingungensind entscheidend, damit nachhaltige Lebensmittel im Alltag häufiger gewählt werden. Die Zukunft ist nicht weniger Transparenz, sondern besser gestaltete Information – so, dass Nachhaltigkeit schnell erfassbar und damit alltagstauglich wird.

Literatur

  1. Umweltbundesamt. Siegelvielfalt: mehr Verwirrung als Orientierung? [Internet]. Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt; o.J. [zitiert 2026 Jan 23].
  2. Umweltbundesamt. TOP-Umweltsiegel für den nachhaltigen Konsum [Internet]. Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt; 2025 [zitiert 2026 Jan 23].
  3. Wansink B, Sobal J. Mindless eating: The 200 daily food decisions we overlook. Environ Behav. 2007;39(1):106-23.
  4. Terlau W, Hirsch D. Sustainable consumption and the attitude-behaviour-gap. Int J Food Syst Dyn. 2015;6(3):159-74.  
  5. Potter C, Bastounis A, Hartmann-Boyce J, Stewart C, Frie K, Tudor K, et al. The effects of environmental sustainability labels on selection, purchase, and consumption of food and drink products: a systematic review. Environ Behav. 2021;53(8):891-925.  
  6. Cook B, Rayner M, Jebb SA. Consumer interaction with sustainability labelling on food products: a narrative review. Nutrients. 2023;15(17):3837.  
  7. Torma G, Aschemann-Witzel J, Thøgersen J. Can a meta-sustainability label facilitate more sustainable consumer choices? Bus Strategy Environ. 2023;32.  
  8. Shrestha A, et al. Impact of front-of-pack nutrition labelling in consumer behaviour: a systematic review. Ann Nutr Metab. 2023.  
  9. World Health Organization. Guiding principles and framework manual for front-of-pack labelling for promoting healthy diets [Internet]. Geneva: WHO; 2019 [zitiert 2026 Jan 23].
  10. Fraunhofer ISI. Nachhaltige Kleidung kaufen: Wie Verbraucher:innen beim Online-Shopping besser informiert werden können [Internet]. Karlsruhe: Fraunhofer ISI; 2024 [zitiert 2026 Jan 23].

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