Stell dir vor, mit dem Pflanzen eines einzigen Baumes könntest du zehn Menschen mit Sauerstoff versorgen — eine kräftige Motivation für mehr Grün in Städten, oder? Solche Aussagen kursieren häufig, insbesondere in Umweltblogs und auf Social Media. Doch entspricht das wirklich den wissenschaftlichen Fakten? In diesem Artikel schauen wir uns an, wie Wissenschaftler:innen den Sauerstoffbeitrag von Bäumen einschätzen, wie viel ein einzelner Baum realistisch leisten kann — und warum gerade in Städten das Pflanzen und Pflegen von Bäumen sinnvoll bleibt 🌿.

Warum der Mythos existiert

Der Gedanke „ein Baum = Sauerstoff für 10 Menschen“ stammt vermutlich aus stark vereinfachten Überschlagsrechnungen. Beliebt ist zum Beispiel die Formulierung, ein ausgewachsener Laubbaum produziere in einer Wachstums­saison so viel Sauerstoff, wie zehn Menschen in einem Jahr einatmen. Diese Aussage wird u. a. von populärwissenschaftlichen Portalen zitiert und geht letztlich auf Schätzungen von Arbor Day Foundation und anderen US-Quellen zurück.[1]

Dabei zählt: Baumart, Alter, Blattfläche (Kronenvolumen), Gesundheit und das lokale Klima beeinflussen die Fotosynthese und damit die Sauerstoffproduktion sehr stark.[1] Eine „Einheitszahl“ für alle Bäume ist wissenschaftlich nicht haltbar.

Was sagen aktuelle Einschätzungen tatsächlich?

Schwankende Werte — je nach Baum und Umfeld

Eine populäre Zusammenfassung der letzten Jahre lautet: Je größer, gesünder und blattreicher ein Baum ist, desto mehr Sauerstoff setzt er im Verlauf seines Lebens frei.[2]

Konkrete Beispiele aus Praxis und populärwissenschaftlichen Abschätzungen zeigen die Spannweite:

  • Forstliche Angaben: HessenForst schätzt, dass eine etwa 60 cm starke Buche in der Vegetationszeit durchschnittlich rund 2 300 L Sauerstoff pro Tag produziert, eine Douglasie ähnlicher Größe etwa 2 200 L.[3] Das reicht ungefähr fĂĽr den täglichen Minimalbedarf eines Menschen.
  • Jahreswerte aus populärwissenschaftlichen Rechnungen: Ein groĂźer, vitaler Laubbaum wird teils mit etwa 100 000 L Sauerstoff pro Jahr angegeben, also im Mittel rund 270 L pro Tag.[4] Diese Zahl basiert auf einer Beispielrechnung fĂĽr eine ausgewachsene Eiche und liegt in der Größenordnung anderer Schätzungen.

Wichtig: Diese Werte sind grobe Näherungen und gelten jeweils nur für bestimmte Baumgrößen, -arten und Standortbedingungen.

Bild von Creative Vix

Sauerstoffbedarf von Menschen — und der Vergleich

Der Sauerstoffbedarf eines Menschen hängt von Körpergröße, Aktivität und Stoffwechsel ab. Eine häufig zitierte Abschätzung: Ein Erwachsener atmet pro Jahr etwa 9,5 t Luft ein. Sauerstoff macht davon circa 23 % der Masse aus, und wir nutzen nur etwas mehr als ein Drittel davon. Daraus ergibt sich ein Verbrauch von ungefähr 740 kg Sauerstoff pro Jahr.[5]

Beliebte Infografiken behaupten, ein großer Baum könne „den Sauerstoffbedarf von zwei Menschen decken“.[1] Diese Darstellung stützt sich auf grobe Näherungen (z. B. ca. 100 kg Sauerstoffproduktion pro Baum und Jahr) und blendet aus, dass die genaue Bilanz stark von Baumart, Wachstum und Jahreszeit abhängt.

Eine detailliertere Beispielrechnung aus dem Magazin BBC Science Focus geht von einem mittelgroĂźen Baum aus, der etwa 100 kg Sauerstoff pro Jahr produziert. Verglichen mit den rund 740 kg, die ein Mensch jährlich verbraucht, ergibt sich: Man bräuchte im Mittel ungefähr sieben bis acht solcher Bäume, um den jährlichen Sauerstoffbedarf einer Person zu decken — bei idealen Wachstumsbedingungen.[5]

Diese Spannweite zeigt: Bedarf (Mensch) und Angebot (Baum) sind sehr variabel. Eine pauschale Aussage wie „ein Baum versorgt zehn Menschen“ ist mindestens eine starke Vereinfachung, in vielen Fällen aber schlicht überoptimistisch.

Warum der Mythos problematisch sein kann

  • Falsche Sicherheit: Wer glaubt, dass wenige Bäume ausreichen, unterschätzt, wie viele groĂźe, gesunde Bäume nötig wären, um den Sauerstoffverbrauch vieler Menschen auszugleichen — insbesondere in dicht bebauten Städten. In urbanen Gebieten spielen Luftzirkulation, LichtverfĂĽgbarkeit, Bodenversiegelung und die Gesamtdichte der Vegetation eine entscheidende Rolle.
  • Ă–kosystemleistungen werden reduziert: Bäume leisten weit mehr, als nur Sauerstoff zu produzieren. Sie binden Kohlenstoff in Holz und Boden,[3,7] filtern Feinstaub und Luftschadstoffe,[6] schĂĽtzen Böden und bieten vielfältigen Lebensraum fĂĽr Tiere und Mikroorganismen.[3]
  • Verwässerung von Handlungsperspektiven: Wenn man denkt, dass „ein Baum genĂĽgt“, bleibt man schnell bei symbolischen Pflanzaktionen stehen, statt strategisch auf viele, vielfältige und langfristig gepflegte Stadtbäume, Mischpflanzungen und vernetzte GrĂĽnflächen hinzuarbeiten.

Warum Bäume in Städten trotzdem wichtig bleiben

1. Luftqualität und Klimaschutz

Selbst wenn die Sauerstoffproduktion allein nicht der Hauptgrund sein sollte — Bäume sind essenziell für saubere Luft. Sie:

  • nehmen COâ‚‚ auf und speichern den Kohlenstoff im Holz,[3,7]
  • können in ihrem Kronenraum Feinstaub und andere Luftschadstoffe zurĂĽckhalten oder binden,[6]
  • tragen durch diese Leistungen zur Minderung von Luftbelastung und Klimawandel bei.

2. KĂĽhlung & Klimaresilienz

In Städten wirken Bäume als natürliche Klimaanlagen. Ihre Kronen spenden Schatten und verringern die Aufheizung von Straßen und Fassaden; über Verdunstung (Evapotranspiration) kühlen sie die Luft zusätzlich.[4,6,8] Behörden wie die US-Environmental Protection Agency zeigen, dass Stadtvegetation Oberflächen- und Lufttemperaturen messbar senken und so Hitzewellen abpuffern kann.[8]

3. Biodiversität & Lebensräume

Stadtbäume und begleitende Grünflächen bieten zahlreichen Insekten, Vögeln und kleinen Säugetieren Lebensraum und Nahrung. Selbst kleinere Grüninseln tragen als Trittsteine zu einem funktionierenden ökologischen Netzwerk in der Stadt bei und fördern die Artenvielfalt.[3,7]

4. Menschliches Wohlbefinden

Zahlreiche Studien belegen, dass Grünflächen und Bäume in Wohnumgebung und Alltag mit besserer psychischer Gesundheit, weniger Stress und höherem Wohlbefinden zusammenhängen.[9] Das gilt besonders in stark verdichteten, hektischen urbanen Räumen: Schon regelmäßige Aufenthalte in gut gestalteten Grünflächen gehen in Metaanalysen mit geringeren Raten von Angst, Depression und Stresssymptomen einher.[9]

Was sagt die Wissenschaft — Fazit aus der Forschung

  • Die häufig zitierte Aussage, ein Baum könne den Sauerstoffbedarf von zehn Menschen decken, beruht auf sehr optimistischen oder unvollständig kontextualisierten Abschätzungen und wird der Komplexität realer Ă–kosysteme nicht gerecht.[1,5]
  • Realistischer ist: Je nach Baumart, Größe, Gesundheitszustand und Standort können mehrere Bäume notwendig sein, um den jährlichen Sauerstoffbedarf einer einzelnen Person zu kompensieren. Beispielrechnungen liegen eher bei sieben bis acht Bäumen pro Person.[5]
  • GroĂźskalige Analysen, etwa fĂĽr städtische Wälder in den USA, zeigen, dass diese zusammen zwar viele Millionen Tonnen Sauerstoff pro Jahr produzieren, dieser Beitrag angesichts des enormen Sauerstoffvorrats der Atmosphäre jedoch vergleichsweise gering ist. Andere Leistungen wie Luftreinhaltung, Temperaturregulation und Kohlenstoffspeicherung werden von Fachleuten als deutlich bedeutsamer eingeschätzt.[9]

Kurz gesagt: Der „Sauerstoff-Mythos“ überhöht eine einzelne Ökosystemleistung und lenkt vom eigentlichen Mehrwert großer, gesunder Baum- und Waldstrukturen ab.

Was bedeutet das fĂĽr dich?

Wenn du in der Stadt lebst, lohnt es sich trotzdem sehr, dich für mehr Bäume stark zu machen: Balkonbepflanzung, Hof- und Gemeinschaftsgärten, Baumpatenschaften oder Beteiligung an städtischen Pflanzaktionen. Entscheidend ist, dass möglichst viele Bäume:

  • standortgerecht ausgewählt,
  • ausreichend Platz fĂĽr Wurzeln und Krone bekommen,
  • langfristig gepflegt
  • und in ein Netz weiterer GrĂĽnflächen eingebunden werden.

Jeder Baum zählt — nicht unbedingt als „Sauerstofflieferant für zehn Menschen“, aber als Baustein eines grünen Netzwerks, das Luftqualität, Mikroklima, Biodiversität und unsere Lebensqualität verbessert 🌍.

Fazit

Die Vorstellung, ein einzelner Baum könnte zehn Menschen mit Sauerstoff versorgen, ist — je nach Baum und Umfeld — höchstens eine sehr grobe Vereinfachung und meist wissenschaftlich nicht haltbar. Viel wichtiger ist: In ihrer Gesamtheit leisten Bäume einen wesentlichen Beitrag zu Luftqualität, Klimaschutz, Biodiversität und urbaner Lebensqualität. Deshalb lohnt es sich, mehr Bäume zu schützen, zu pflanzen und zu pflegen — nicht aus romantischem Ideal, sondern aus gut begründeter, wissenschaftlich fundierter Verantwortung.

Literatur

  1. Helmenstine AM. How much oxygen does one tree produce? ThoughtCo [Internet]. 2019 Nov 19 [cited 2025 Dec 2].
  2. World Economic Forum. Why do some trees produce more oxygen than others? [Internet]. 2022 Dec 16 [cited 2025 Dec 2].
  3. HessenForst. Vielkönner Baum – Am 25. April ist Internationaler Tag des Baumes [Internet]. Wiesbaden: HessenForst; 2024 Apr 24 [cited 2025 Dec 2].
  4. One Tree Planted. How much oxygen does a tree produce? [Internet]. 2024 Oct 1 [cited 2025 Dec 2].
  5. Villazon L. How many trees does it take to produce oxygen for one person? BBC Science Focus Magazine[Internet]. c2015 [cited 2025 Dec 2].
  6. TreePeople. 22 benefits of trees [Internet]. Los Angeles: TreePeople; c2020 [cited 2025 Dec 2].
  7. Stiftung Unternehmen Wald. Wie viel Kohlendioxid speichert der Wald bzw. ein Baum? Wald.de [Internet]. 2012 [cited 2025 Dec 2].
  8. Nguyen PY, Astell-Burt T, Feng X. Green space quality and health: A systematic review. Urban For Urban Green. 2021;57:126920.
  9. Nowak DJ, Hoehn RE, Crane DE. Oxygen production by urban trees in the United States. Arboric Urban For.2007;33(3):220–6.

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